„Welt am Sonntag“ berichtet über Pfingsten

Pastor Mario Wahnschaffe

WELT AM SONNTAG
12.06.2011

Der Heilige Geist wirkt ein bisschen wie Alkohol

Ein Gespräch mit dem Bonner Pfingstpastor Mario Wahnschaffe über den Sinn von Pfingsten, über Zungengebete, heiligen Bekennermut und spirituelle Spirituosen
Autor: Till-R. Stoldt, Welt am Sonntag

Heute wird in großen Teilen der Welt Pfingsten gefeiert. Aber warum? Über 60 Prozent der Deutschen wissen es nicht. Auskunft geben kann da eine Strömung innerhalb des Christentums, die man als Expertengruppe in Sachen Pfingsten bezeichnen kann: die Pfingstbewegung. Ihren Anhängern ist das Ereignis so wichtig, dass sie sich danach benennen. Ein klärendes Gespräch mit Pastor Mario Wahnschaffe, der in Bonn eine große pfingstlerische Gemeinde mit Gläubigen aus rund 50 Nationen leitet.

Welt am Sonntag: Herr Wahnschaffe, für den Großteil der Bevölkerung ist Pfingsten eine Gelegenheit zum Kurzurlaub, für liberale Theologen ein legendenüberzogenes Ereignis, eine Art Gemeinschaft stiftende Massenekstase, die sich laut Bibel vor 2000 Jahren abgespielt haben soll. Wo liegt für Sie das Zentrum von Pfingsten?

Mario Wahnschaffe: An Pfingsten schickte Gott den Jüngern Jesu in Jerusalem seinen Heiligen Geist, wenn Sie so wollen: eine Extraportion geistlicher Kraft, die noch heute jeder Mensch erfahren und empfangen kann. Wir nennen diese Erfahrung die Taufe in den Heiligen Geist.

Welt am Sonntag: An welchen Merkmalen erkennt man, dass jemand diese Taufe erlebt hat?

Mario Wahnschaffe: Da gibt’s einige. In der biblischen Apostelgeschichte wird berichtet, dass die Jünger plötzlich in unbekannten Sprachen sprechen konnten, sodass auch Ausländer sie verstanden. Der Geist Gottes ist eine Kraft, die alle Trennung durch Kultur, nationale Zugehörigkeit oder Milieus überwindet und über alle Unterschiede hinweg Einheit schafft. Die Urgemeinde von Jerusalem war ebenfalls multikulturell. Auch in unserer Gemeinde versuchen wir das zu leben. Da gibt es Christen jeder Prägung: Chinesen, Russen, Perser, Türken, Deutsche ohne Zuwanderungshintergrund …

Welt am Sonntag: Wodurch genau wird diese Einheit geschaffen?

Mario Wahnschaffe: Vor allem durch die Liebe, die Gott uns schenkt. Liebe nimmt dem Fremden das Bedrohliche und schafft Verständnis.

Welt am Sonntag: Vor 2000 Jahren in Jerusalem wurden die unbekannten Sprachen, in denen die Jünger laut Bibel sprechen konnten, von den Ausländern verstanden. In heutigen Pfingstgemeinden sprechen die Gläubigen dagegen oft in unbekannten Sprachen, die kein Mensch versteht. Ist dieses sogenannte Zungengebet biblisch?

Mario Wahnschaffe: Aber ja! Lesen Sie mal bei Paulus nach, im ersten Korintherbrief, Kapitel 14. Paulus sagt sogar, dass alle Christen in unbekannten Sprachen beten sollen.

Welt am Sonntag: Wozu, wenn’s nicht verstanden wird?

Mario Wahnschaffe: Zur Selbsterbauung. Ein Beispiel: In Krisenzeiten geht es Menschen manchmal so schlecht, dass sie nicht wissen, was sie überhaupt beten und wünschen sollen. Dann hilft es, in Zungen zu beten und den Verstand ruhen zu lassen. Aus solchen Momenten der Entspannung, der ruhenden Ratio erwachsen oft hilfreiche Einsichten.

Welt am Sonntag: Auf Außenstehende wirkt das manchmal irritierend. Schon vor 2000 vermuteten Passanten laut Bibel, die vom Geist erfüllten Jünger seien in Wirklichkeit „voll vom süßen Wein“.

Mario Wahnschaffe: (Mario Wahnschaffe lacht herzlich und nickt) Ja, es gibt schon Parallelen zwischen der Wirkung des Heiligen Geistes und der von moderatem Alkoholkonsum: Ängstliche, unkommunikative Menschen werden plötzlich fröhlich, mutig und gesprächig.

Welt am Sonntag: Trinken Sie denn häufig Alkohol?

Mario Wahnschaffe: Ich? Fast nie.

Welt am Sonntag: Gott dient als spirituelle Spirituose – ist dieses Verständnis der Grund, warum man Pfingstlern eine Neigung zum Ekstatischen nachsagt?

Mario Wahnschaffe: Natürlich endet die Parallele auch. Wer den Heiligen Geist allein als Quelle guter Gefühle versteht und nur im Gottesdienst hingegeben Psalmen singt, hat etwas missverstanden.

Welt am Sonntag: Es wurde auch schon von Pfingstgemeinden berichtet, in denen die Menschen in ein lang anhaltendes Lachen verfielen oder stundenlang auf dem Boden lagen, wenn sie sich vom Heiligen Geist erfüllt wähnten.

Mario Wahnschaffe: In solchen Fällen muss man maßnehmen am Neuen Testament. Demzufolge entsteht, wo der Geist Gottes ausgeschüttet wird, vor allem neues Lebensvertrauen, die Kraft zur Liebe und der Mut, anderen die Realität des liebenden Gottes zu bezeugen. Der Geist fördert also Tatkraft, aber nichts Abschreckendes.

Welt am Sonntag: Von diesem Mut zum Zeugnis bekommt man eine Ahnung, wenn man auf Ihre Aktivitäten blickt. Sie wagen sich ja zu fast jeder irgendwie heiklen Bevölkerungsgruppe vor: Skinheads, Junkies, Prostituierte, Radikalislamisten. Wie reden Sie als Pfingstpastor denn mit Rechtsextremen?

Mario Wahnschaffe: Bei einem unserer letzten Predigteinsätze in einer ostdeutschen Stadt standen vor meiner Kanzel plötzlich lauter kahl geschorene und betrunkene Skinheads mit grünen Bomberjacken und Eisenstangen in den Händen. Das war schon ungewöhnlich (lacht). Aber später haben wir uns gut unterhalten.

Welt am Sonntag: Auf der Internet-Videoplattform YouTube haben Sie sich auch mit prominenten Radikalislamisten argumentativ auseinandergesetzt und deren kritische Fragen ans Christentum beantwortet. Das war mutig.

Mario Wahnschaffe: Ich versuche nur, denjenigen Muslimen Antworten zu geben, die Fragen ans Christentum stellen. Bekehrungsaufrufe werden Sie da nicht finden.

Welt am Sonntag: In den Videos sprechen Sie sehr freundlich und respektvoll über die Muslime.

Mario Wahnschaffe: Natürlich, ich schätze ja auch, dass viele Muslime sich mit ihrem Glauben noch so identifizieren. Deshalb reagieren manche Muslime ja auch so empfindlich auf die Verunglimpfung ihrer Religion. Der Glaube ist noch Teil ihrer Identität. Das verdient Respekt. Dennoch darf man Muslimen ihre kritischen Anfragen an die Christen beantworten.

Welt am Sonntag: Engagiert ist Ihre Gemeinde auch an einem anderen Brennpunkt: Sie besuchen regelmäßig die Treffs von Drogenabhängigen. Wie reagieren Junkies, wenn man ihnen zu essen anbietet und von der Liebe Gottes erzählt?

Mario Wahnschaffe: Anfangs wurden wir manchmal bedroht und beschimpft, wenn wir mit unseren Brötchen und Suppen kamen. Aber das hat sich geändert. Inzwischen kennen die uns und freuen sich. Übrigens arbeiten wir bei solchen Projekten viel und gerne mit anderen Konfessionen zusammen. Ob Pfingstler oder nicht, sollte für echte Pfingstler nicht wichtig sein.

Das Gespräch führte Till-R. Stoldt

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