Christliche Impulse – Konferenzbericht

Wenn drei Entwicklungen zusammentreffen…

Liebe Leser,

vielleicht übertreibe ich in meiner Begeisterung:

Diese Konferenz ist ein Meilenstein für die Veränderung unserer Kirche.

Warum? Weil hier drei bisher getrennte Entwicklungen zusammentreffen und der schwerfällige Koloss „Volkskirche“ den Kopf zu heben beginnt:

1. Entwicklung: Innovative Bewegungen außerhalb der Volkskirche

Außerhalb der Landeskirche wird schon lange intensiv an der Zukunft der Gemeinden gearbeitet. In freien Initiativen und Bewegungen wie den Freikirchen, wie Willow Creek, wie emergent, in der missionalen Bewegung, aber auch in Gemeinschaftsverbänden und einzelnen Think Tanks entsteht schon lange ohne Denkverbote mit vielversprechenden Einsichten die Zukunft der Kirche Jesu Christi. Viele Innovationen, aber bis zu dieser Konferenz leider außerhalb des Blickfelds der meisten Hauptamtlichen unserer Großkirchen.

2. Entwicklung: Einsetzende Selbsterkenntnis der Kirche über ihre Erneuerungsbedürftigkeit

Im „Zeitalter des Christentums“ war das Christliche überall: Die kirchliche Agenda bestimmte die Feiertage, die Ferien und sogar die menschlichen Lebensabschnitte durch Taufe, Kommunion, Konfirmation und Hochzeit. Alle gehörten zur Kirche und die Kirche gehörte zu allen. In diesem Selbstverständnis macht die Kirche immer weiter, obwohl das Zeitalter des Christentums schon lange vorüber ist. Heute, wo die Menschen scharenweise der Kirche den Rücken kehren, nimmt die Bereitschaft zu, sich selbst in Frage zu stellen. Besonders die junge Pfarrergeneration in Württemberg und Baden reagiert auf den Wind of Change.

3. Entwicklung: „Fresh Expressions“ in der „Church of England“

Bei allen noch so hoffnungsvollen Beispielen aus dem Ausland, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vor tausenden Besuchern vorgetragen wurden, gab es ein ständiges Problem: Die Situation in der Volkskirche in Deutschland ist völlig anders. Nicht, dass wir nicht viel Gutes von Willow & Co lernen konnten. Aber unsere Hauptprobleme waren andere. Was uns hier aus England begegnet, das ist Volkskirche, wie wir Volkskirche sind, das sind Strukturen, wie wir Strukturen haben, das sind Schwierigkeiten, wie wir sie kennen. Mit einem Unterschied: Wie Professor Herbst im Film „Christliche Impulse 1: Wie willst Du Deine Gemeinde, Herr?“ andeutet, ist die Anglikanische Kirche 20 Jahre weiter als unsere EKD. Dort sehen wir, wie Probleme gelöst werden, die wir gerade erst zu erkennen beginnen!

Hier in Filderstadt kommt dies alles zusammen: Die Ideen, Gedanken und Vorgehensweisen, die bisher hauptsächlich außerhalb der Volkskirche existieren. Dies trifft hier auf die wachsende Veränderungsbereitschaft der Volkskirche. Und das inspirierende englische Beispiel einer ähnlichen Volkskirche, die Punkt 1 und Punkt 2 schon zu vielen geistlichen Erfolgsgeschichten verbunden haben.

Um den Newsletter nicht zu lang werden zu lassen, anbei nur ein paar Punkte, was die Church of England in den letzten Jahren gemacht und gelernt hat:

  • Das Pflanzen neuer Gemeinden und die Suche nach neuen, zeitgemäßen Ausdrucksformen durch mutige Pioniere, wie es sie auch bei uns in Deutschland viele gibt. 2002 setzte die offizielle anglikanische Synode eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Bischof Cray ein, die diese neuen Gemeinschaften innerhalb der Kirche betrachten sollte.
  • Cray und sein Team legten 2004 ihren Abschlussbericht „Mission-shaped church“ vor. Dabei dachten sie an einen kleinen Arbeitsbericht mit einigen Tipps für ein Spezialinteresse innerhalb eines kleinen Teils der Kirche von England. Sie schufen für die neuen Entwicklungen den Überbegriff „fresh expressions“.
  • Gott nutze den Bericht für Größeres: Das Buch wurde ein Bestseller, der „christliche Harry Potter“. „Fresh Expressions“ wurde zum allgegenwärtigen Thema. Der neue Leiter der anglikanischen Kirche, Rowan Williams, kannte „fresh expressions“ schon aus seiner Zeit als Bischof von Wales. Als Erzbischof von Canterbury und damit Chef der anglikanischen Kirche machte er diese „fresh expressions“ zu einer der beiden Hauptprioriäten seiner Amtszeit, der Aufbruch war ganz oben angekommen!
  • Strukturen wurden geschaffen: Trotz bestehendem Parochie-System, das heißt die feste Aufteilung ganz Englands in klar abgegrenzten Ortsgemeinden, machten sie die Gründung neuer Zielgruppengemeinden möglich. Zudem schufen sie die Möglichkeit, Pioniere (die sich häufiger unter Nicht-Theologen fanden) als Gemeindegründer zu ordinieren.
  • Wir können vom kreativen Umgang der anglikanischen Kirche mit ihren eigenen traditionellen Kirchengesetzen lernen: Nach dem Motto „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ schafft sie Raum für neue geistliche Entwicklungen. Soweit ist meine Kirche noch nicht. Oder ist der Leidensdruck noch nicht hoch genug?
  • Erzbischof Rowan Williams entwickelte die Vision der Anglikanischen Kirche als „mixed economy“, auf deutsch vielleicht „Mischwirtschaft“ oder „Bunter Betrieb“. Indem er die Vielfalt zum Leitmotiv der Volkskirche der Zukunft erhebt, nimmt er der bisher bestehenden Einheitskirche die Konkurrenzangst gegenüber dem neu Entstehenden.

Heute sind die „frischen Ausdrucksformen von Kirche“, die fresh expressions, immer tiefer in der anglikanischen Kirche verankert.

Zeit meines Lebens bin ich Teil einer an Mitgliedern und geistlicher Wirkungskraft abnehmenden Landeskirche. Ich habe erlebt, wie geistliche Pioniere vom System und der Bürokratie der Landeskirche und zuweilen von manch mittlerweile inhaltslosen Tradition zermalmt wurden. Ich habe mich manchmal mit meiner Kirche gefreut und oft mit ihr gelitten.

Dabei bin ich Realist genug um zu wissen, dass so ein Koloss nur ganz langsam erwacht. Der Marsch durch die Institutionen beginnt gerade erst. Es wird mindestens eine Generation dauern, bis die Veränderungsbereitschaft auch in den oberen Gremien unserer Kirche um sich greift.

Aber heute habe ich, zusammen mit vielen jungen Pfarrern im Publikum sitzend, einen hellen Lichtstreif am Horizont gesehen.

Es sind spannende Zeiten…lassen Sie uns gemeinsam christliche Impulse für eine Entwicklung auf Jesus hin sein…

Gemeinsam mit Ihnen in der Nachfolge Christi,

hr Matthias Brender
Vorstand Christliche Impulse e. V.

P.S.: Entschuldigen muss ich mich heute bei allen Freikirchlern, für die der heutige Newsletter zumindest auf den ersten Blick nicht so viel enthält. Aber schließlich machen die beiden großen Kirchen 99 Prozent zumindest der nominellen Christen in Deutschland aus. Und die Punkte hier betreffen auch immer mehr Freikirchen, denn mit der Zeit und mit dem Wachstum entwickelt jede Organisationsform ähnliche Symptome, wie die, unter denen heute unsere Großkirchen leiden… und deren Gründe bei dieser Konferenz auf gute Weise angepackt werden!

Den vollen Bericht der Konferenz lesen Sie, wenn Sie hier klicken.

p.h.

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